Patina oder Gammel?
Erste Überlegungen zu einer Restaurierung
Inhaltsübersicht
Wo hört Patina auf und wo fängt Gammel an? Diese Frage muss man sich stellen, wenn man einen der superseltenen noch originalen, oder einen vor vielen Jahren mittelmäßig oder schlecht restaurierten Alfa 2600 erworben hat. Findet man sich mit Unzulänglichkeiten und Mängeln ab, oder will man eine perfekt funktionierende Schönheit? Ganz oft passiert es, dass ein vor dem Kauf passabel aussehendes Fahrzeug sich nachher bei genauerem Hinsehen als Fall für eine Vollrestaurierung entpuppt. Und dann? Hier sind Lösungen.
Diese liebevoll besessenen und unerschrockenen Menschen, die einen automobilen Schrotthaufen wieder in ein Schmuckstück verwandeln wollen, würde ich grob in drei Kategorien einteilen.
1. Die technischen Alleskönner: Das sind meist Ingenieure oder Handwerkmeister, die (vielleicht bis auf die Lackierung) alles, aber auch alles, selber machen. Große Garage mit top-eingerichteter Werkstatt. Und am Ende kennt der Alleskönner jede Schraube seines Schätzchens beim Vornamen.
2. Die wohlhabenden Investoren: Das sind Leute, die von der Technik nicht viel Ahnung haben und eigentlich auch nicht haben wollen. Die Garage gleicht einem Salon, aber nicht einer Werkstatt. Sie geben den Auftrag ihren automobilen Liebling in seinen Topzustand zu versetzen an einen Restaurationsbetrieb, der alle Wünsche erfüllt – oder zumindest vorgibt erfüllen zu können.
3. Die akribischen Regisseure: Das sind Leute wie ich. Technisch begabt, aber einen ganz anderen Beruf und keine bis ins Kleinste ausgestattete Garagenwerkstatt. Wir können ein Auto zerlegen, die Teile präzise katalogisieren, putzen, pflegen und auch einen gewissen Teil wieder selbst zusammenbauen. Aber Motor, Getriebe, Bremsen, Kabelbaum und natürlich die Karosserie geben wir in einen Spezialbetrieb. Und dabei führen wir Regie: Wir geben vor wie gut das Gewerk am Ende sein soll, informieren, diskutieren, kontrollieren. Das kostet nur ein bisschen weniger Geld, dafür aber viel mehr Zeit.
Zur welcher Kategorie Sie auch immer gehören, Sie werden die eine oder andere Werkstatt brauchen, die spezielle Arbeiten übernimmt. Und hier fängt das Problem schon an: Welche Betriebe sind gut und einigermaßen günstig? Welcher Werkstatt kann man vertrauen? Natürlich soll man den Rat und Empfehlungen von anderen Oldtimer-Besitzern oder Markenclubs einholen, aber auch darauf kann man sich nicht immer verlassen. Das zeigen meine eigenen Erfahrungen. Mal abgesehen davon, dass gute Werkstätten oft über Jahre ausgebucht sind und man lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss, kommt doch manchmal Murks heraus. Das musste ich am eigenen Leib mehrfach erfahren.
Hier ein paar haarsträubende Beispiele: Da ist der Fall eines österreichischen Liebhabers, der seinen an sich noch brauchbaren Alfa 2600 an eine Restaurierungswerkstatt gab, um ihn mindestens zum Zustand 1- zu bringen. Der Betrieb machte Werbung damit schon mehrere Alfa 2600 restauriert zu haben, unter anderem für einen hochrangigen Manager einer Automobilfabrik, der höchste Ansprüche stellte. Als der Alfa-Fan seinen Wagen nach zwei Jahren zurück bekam, neu lackiert und vermeintlich restauriert, musste er entsetzt feststellen, dass nach zwei Wochen die Bremsen nicht mehr funktionierten, der Unterboden nicht restauriert, sondern einfach überlackiert worden war (über allen Schmutz, Öl und Fett) und vor allem: Es waren wertvolle, originale Chromleisten abmontiert und durch billige, aufklebbare Plastikleisten ersetzt worden. Sowas grenzt an Betrug.
Oder noch schlimmer der Fall eines italienischen Enthusiasten, der seinen Alfa 2600 Spider in eine Karosseriewerkstatt in der Nähe von Rom gab um das marode Blech wieder aufzubauen. Zwei Jahre lang passierte nichts. Gar nichts. Als der Besitzer den Wagen dann erbost abholte, stellte sich heraus, dass die komplette Vorderachse und den Lenkung fehlten. Der Werkstattbesitzer zuckte nur mit den Schultern – die seien wohl gestohlen worden, eine Versicherung habe er aber nicht. Ein immenser Schaden, denn solche Teile sind nur extrem schwer wieder aufzutreiben und im Wert kaum zu taxieren.
Aber nicht nur bei der Karosserie gibt es Scharlatane: Ich hatte den Motor unseres zweiten, roten Alfa 2600 einem renommierten Motorencenter im Westfählischen zur kompletten Revision anvertraut, was letztlich eine fünfstellige Summe kostete. Der Motor sah auch prächtig aus, aber schon nach wenigen Kilometern Fahrt quoll Öl an der Zylinderkopfdichtung heraus. Nach Reklamation beim Motorenbauer bekam ich die lapidare Antwort, dass die Arbeiten schon etwas mehr als zwei Jahre her seien und daher die Gewährleistung abgelaufen sei. Natürlich, Karosseriebau und Lackierung hatten sich verzögert – wie das halt so ist bei einer Restaurierung. Es blieb also nichts anderes übrig als in einer anderen Werkstatt den Zylinderkopf abzunehmen und nachzuschauen. Dabei stellte sich heraus, dass die kleinen Gummiringe, die die dünnen Ölleitungen vom Block zum Zylinderkopf abdichten, beim Zusammenbau einfach vergessen worden waren. Auch nach klarer Dokumentation dieses Sachverhalts lehnte das Motorencenter jede Verantwortung ab. Mein Kommentar: Die sollen sich schämen.
Glücklicherweise gibt es jedoch auch positive Beispiele:
Unseren zweiten, roten Alfa hatten wir auf Empfehlung des 2600 Clubs zu einem inzwischen pensionierten Karosseriebauer in Göttingen gegeben. Doch der in italienischen Klassikern versierte Meister baute den Wagen nicht selbst auf, sondern übergab ihn an seinen jungen Mitarbeiter Eugen Bachmann (heute Werk II), der gerade die Meisterschule verlassen hatte und voller Motivation war zu zeigen, was er drauf hatte. Das Ergebnis war exzellent – die Karosse ist über jeden Zweifel erhaben, präziseste Spaltmaße, besser als neu.
Später hatte ich ein weiteres, sehr positives Erlebnis bei der Lackierung. Da Altmeister Uli Becker (siehe Interview bei Lackierung) inzwischen in Ruhestand gegangen war, suchte ich eine gute und günstige Lackiererei, die meine hohen Ansprüche erfüllen könnte. Ich wurde fündig im italienischen Trentino, knapp südlich der südtiroler Grenze. Der Carrozzeria Bolner in Mezzolombardo hatte ich das Interview mit Uli Becker in italienischer Sprache gegeben und glasklar gemacht: So will ich das haben. perfekte Oberfläche, perfekter Glanz – wie ein Spiegel. Das Ergebnis ist absolut überzeugend und kostete nur etwas mehr als die Hälfte als bei einer guten deutschen Lackiererei.
Inzwischen hat die Officina + Carrozzeria Bolner, die ganz auf klassische Fahrzeuge spezialisiert ist, drei weitere Alfa 2600 restauriert, Karrosserie und Technik – zur Zustandsnote 1. Die Besitzer sind mehr als zufrieden.