2600: Nonplusultra von Alfa Romeo

Centro Documentazione: Interview mit Marco Fazio

Marco Fazio, ehemals Leiter des Centro Documentazione Alfa Romeo, hier in seinem Büro in der Nähe des Alfa Museums in Arese, gibt Einblick in die Philosophie von Alfa in den sechziger Jahren und in die Entwicklung des 2600 Spider.
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Fürst Rainier von Monaco am Steuer eines Alfa Romeo 2600 Spider: Das war ganz im Sinne von Alfa - der 2600 war das Top-Produkt der Marke und sollte fürstlichen Glanz ausstrahlen.

In diesem Interview mit Marco Fazio, dem damaligen Leiter des Centro Documentazione Alfa Romeo in Arese bei Mailand beleuchten wir die Geschichte des 2600 Spider nicht aus der Sicht des Designers und Karosseriebauers, sondern aus der Sicht des Herstellers und seinen Marketing-Überlegungen. In einer ganzen Reihe von Punkten waren Touring und Alfa Romeo ähnlicher Auffassung, in manchen jedoch nicht.

Giovanna Dorigati: Welchen Einfluss hatte Alfa auf das Karosseriedesign des 2600 Spider? Wer hatte letztlich die Entscheidungsgewalt über die Formgebung – Alfa oder Touring?
Marco Fazio: Der 2600 Spider war eine Weiterentwicklung des 2000 und daher waren die grundsätzlichen Entscheidungen schon früher getroffen worden. Die Direktion von Alfa hatte damals eine enge Zusammenarbeit mit Touring, aber letztlich hat natürlich Alfa die Änderungen abgesegnet. Die Karosserie musste ja auch leicht an den größeren Motor angepasst werden. Alfa hatte verstanden, dass der 2000er Motor für diesen Wagen etwas unterdimensioniert war. Mit dem großen Sechszylinder stieß der Wagen dann in die Oberklasse vor. Er wurde ein Nonplusultra für Normalmenschen. Das musste man ihm natürlich auch ansehen, vor allem am „Gesicht“.

Auch das ein Beweis der Ehrwürdigkeit von Alfa Romeo: Kardinal Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI, wird in einem Alfa Romeo 2000 Spider chauffiert.

Giovanna Dorigati: Die kleinen Änderungen machten das Auto erwachsener, weniger verspielt…
Marco Fazio: Ja, aber andererseits sollte der Wagen vor allem an der Front sofort wiedererkennbar sein. Die vier Scheinwerfer gaben der 2600er mehr Größe, mehr Prestige. Nur beim Material der Karosserie hatte nicht nichts verändert. Der Name Touring stand ja traditionell für die Superleggera-Bauweise. Aber Alfa hatte das aus Kostengründen abgelehnt. Man muss bedenken: Der 2600 Spider kostet damals 2.900.000 Lire. Das war schon sehr teuer. Im Verhältnis dazu kostete die Giulia Berlina damals 1.570.000 Lire, nur etwas mehr als die Hälfte. Und dazu kamen noch die möglichen Extras für den Spider: Speichenräder, Hardtop, Lederausstattung oder Sonderfarben (extra serie), die den Wagen nochmal verteuerten.

Giovanna Dorigati: Kommen wir zu den vier Scheinwerfern, die es damals so zum ersten mal bei Alfa gab. Wer hat die Entscheidung dazu getroffen?
Marco Fazio: Das war eine gemeinschaftliche Entscheidung zwischen Touring und Alfa. Wir hatten ja seit Jahrzehnten eine enge Zusammenarbeit und ich denke, dass in Designfragen 51 Prozent bei Touring und 49 Prozent bei Alfa lagen. Aber auch die Giulia, die ja fast gleichzeitig erschien, hatte dann vier Scheinwerfer. Alfa wollte dieses Designmerkmal auf alle wichtigen Fahrzeuge übernehmen, denn das gibt dem Wagen ein kämpferisches Gesicht, vor allem, wenn die inneren Scheinwerfer etwas kleiner sind.

Wer sich in den sechziger Jahren eine Flugreise leisten konnte, der fuhr auch den exklusiven Alfa Romeo 2600 - hier ein Werbefoto vom Frankfurter Flughafen.

Giovanna Dorigati: War das auch ein Zugeständnis an den amerikanischen Markt?
Marco Fazio: Sicher war der 2600 Spider von seinem Grundkonzept her auch auf den amerikanischen Markt abgestimmt. Das lag allein schon an seiner Größe. Mit 4,50 Meter Länge war er größer als die meisten anderen Cabrios auf dem europäischen Markt, hatte einen größeren Kofferraum. Damit lag er näher an den großen amerikanischen Cabrios. Er gehörte eindeutig zur Oberklasse. Man muss verstehen: Ferrari und Maserati waren erst in den 50er Jahren, also damals erst vor kurzem, gegründet worden. Die hatten beide noch nicht den Namen von heute. Alfa hatte dagegen schon eine über 50jährige Geschichte im obersten Marktsegment. Und da sollte der 2600 anschließen. Es war der Prestige-Alfa seiner Zeit.

Giovanna Dorigati: Wie viele 2600 Spider wurden nach USA geliefert?
Marco Fazio: Ich weiß es momentan nicht genau. Ich verlasse mich Ihre Zählung, die Sie gerade in unseren Aufzeichnungen gemacht haben. Es werden um die 570 gewesen sein, also etwa ein Viertel der Gesamtproduktion.

Alfa stellte den 2600 in der Werbung als prestigeträchtiges Luxusprodukt dar. Das sollte nicht nur die Exklusivität beweisen, sondern wohl auch den hohen Preis rechtfertigen.

Giovanna Dorigati: Die drei Versionen des 2600, Berlina, Sprint und Spider hatten ein sehr unterschiedliches Design. man glaubt kaum, dass sie zur selben Familie gehören.
Marco Fazio: Tatsächlich, es gibt zwischen den drei 2600ern mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten. Sie stammten ja aus drei verschiedenen Designfirmen. Aber das hängt noch mit der Vorkriegstradition zusammen, als Alfa alle Fahrzeuge bei Karosseriebaufirmen einkleiden ließ und jede ihr eigenes Design verwirklichte. Erst nach dem Krieg begann Alfa bei den größeren Serien auch die Karosserien selbst zu bauen. Aber die 2600 gehörten zur Oberklasse mit geringeren Stückzahlen. Immerhin sieht man die „corporate identity“ am Alfa Herz…

Giovanna Dorigati: Warum wurde nach dem 2600 Spider die Kooperation mit Touring unterbrochen – und die mit Pininfarina und Bertone fortgesetzt?
Marco Fazio: Nun, es ging ja noch ein bisschen weiter mit der Giulia GTC, aber tatsächlich hat sich die Verbindung dann gelöst. Touring hatte den Schritt zur Industrialisierung nicht konsequent genug gemacht, sie waren nicht auf eine Fließbandproduktion ausgelegt, sie blieben zu handwerklich. Im Gegensatz dazu hatte sich Pininfarina kontinuierlich weiter entwickelt. Mit ihnen haben wir noch bis in die 2000er Jahre zusammen gearbeitet.

Alfa Romeo 2600 Spider - ein herrschaftliches Fahrzeug vor einer herrschaftlichen Villa.

Giovanna Dorigati: Zurück zum 2600 Spider: Welches Image sollte der Wagen haben, welche Zielgruppe sollte der Wagen erreichen?
Marco Fazio: Der Wagen sollte generell Exzellenz und Großartigkeit ausstrahlen, er sollte das Nonplusultra von Alfa sein. Die Zielgruppe sollten die Kinder der Kunden sein, die vor dem Krieg einen der berühmten, großen 6c, also 2300 oder 2500 gekauft hatten. Da waren berühmte Menschen darunter: Manuel Fangio, Mario del Monaco, die große Gesellschaft. Die Generation 2600 sollte an diese Zeit anschließen. Giulietta und Giulia waren mehr auf den Massenmarkt ausgelegt, aber der 2600er sollte das exklusive Publikum bedienen. Alfa wollte und sollte sich von denen aus Turin (Fiat) unterscheiden. marken noch einen ganz anderen Stellenwert

Giovanna Dorigati: Wie kam es zu der Entscheidung für einen neuen Sechszylinder?
Marco Fazio: Er wurde aus dem Vierzylinder des 2000er weiter entwickelt. Sechs Zylinder gehörten zur Tradition von Alfa. Die ersten Mille-Miglia-Rennen hatte Alfa alle mit Sechszylinder-Motoren gewonnen. Sechs Zylinder erschienen als das Optimum um einen starken Motor bei möglichst geringem Gewicht zu verwirklichen.

Der Alfa 2600 Spider war ein schneller, relativ komfortabler Reisewagen, mit dem sich auf der Autbahn entspannt auch große Distanzen bewältigen ließen.

Giovanna Dorigati: Wer hat diesen Motor entwickelt?
Marco Fazio: Dieser Motor wurde unter leitung von Giuseppe Busso entwickelt. Er war es, der nach dem Krieg die Motorenentwicklung bei Alfa maßgeblich bestimmt hat. erst mit diesem Sechszylinder, später im Jahr 1979 mit dem berühmten Busso-Sechszylinder V-Motor für die Alfetta. Aber der 2600 Motor war der letzte Reihensechszylinder mit zwei oben liegenden Nockenwellen – das macht ihn einzigartig in der Nachkriegsgeschichte von Alfa.

Giovanna Dorigati: Wie würden Sie das image des 2600 Spider im Verhältnis zu seinen Konkurrenten von Lancia, Mercedes, Porsche oder Jaguar beschreiben?
Marco Fazio: Der Wert bestand in dem Bewusstsein einen Alfa Romeo zu fahren. Alfa-Fahrer grüßten sich auf der Straße. Alfa hatte damals im Verhältnis zu den anderen europäischen Marken noch einen ganz anderen Stellenwert. Alfa war eine „benchmark“, an der sich die anderen maßen. Sicher hat Jaguar mit dem E-Type Anfang der sechziger Jahre einen Meilenstein gesetzt. Aber Alfa war weiterhin eine der begehrtesten Marken. Und der 2600er war ein elegantes Fahrzeug mit höchstem prestigewert. Es war nicht leicht ein ebenbürtiges Fahrzeug auf dem europäischen Markt zu finden.

Zur Not konnte man sogar kurze Strecken mit vier Personen überwinden. Die hinteren Notsitze waren allerdings eher für kleinere Kinder geeignet.

 

Giovanna Dorigati: Der 2600 Spider war damals kein großer Erfolg. warum? War er zu teuer? Oder zu wenig sportlich?
Marco Fazio: Es gab bei Alfa eben auch die sehr erfolgreichen Giulietta und Giulia Spider, 1966 gefolgt vom Duetto. Das waren auch offene Fahrzeuge zu viel geringerem Preis. wahrscheinlich entsprach der große 2600 Spider nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit. Und ganz sicher wollte man nicht das doppelte einer Giulietta bezahlen.

Giovanna Dorigati: Der 2600er hat nie an Rennen teilgenommen, hatte keine sportlichen Erfolge. Hat das dem Verkauf geschadet?
Marco Fazio: Ja, das ist wohl ein wichtiger Punkt. Alle anderen Alfas hatten sportliche Erfolge.

Giovanna Dorigati: Wie sehen Sie das Image des 2600 Spider heute?
Marco Fazio: Heute ist es ein sehr gefragtes Fahrzeug. Die gut restaurierten Exemplare gehören heute sicher zu den bei Sammlern am meisten bewunderten und beliebten klassischen Alfas.

 

Familientauglichkeit hatte in der Werbung jedoch keine hohe Priorität. Alfa wollte den 2600 Spider lieber so sehen - mit attraktiver Dame in nobler Umgebung:

Giovanna Dorigati: Heute ist der 2600 Spider sehr selten. Trägt das auch zu seinem Image und zu seinem Wertzuwachs bei?
Marco Fazio: Für mich ist der Wert eines Fahrzeugs ein historischer und kultureller Wert. Sicher tragen Eure Recherchen und die Dokumentation der Geschichte auch zum Wertzuwachs dieser Fahrzeuge bei. Denn je mehr man über ein Auto weiß, desto größer wird die Leidenschaft.

Giovanna Dorigati: Wie groß ist der Stellenwert der klassischen Fahrzeuge heute bei Alfa?
Marco Fazio: Ich kann nicht abstreiten, dass Alfa, oder früher die Fiat-Gruppe, sich viel zu wenig um seine Tradition gekümmert hat. Heute zeigt jedoch allein unser Museum in Arese, aber auch die vielen Veranstaltungen, die wir als Sponsor begleiten, dass wir die große Geschichte der Marke Alfa Romeo sehr ernst nehmen.